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Donnerstag, 29. Oktober 2015

LOST AND FOUND!

Ich weiß gar nicht wann genau es  passiert ist. Wann genau ich dich hier verloren habe, und wodurch ich dich verloren habe. Vielleicht durch all die kleinen Momente die mein Herz mit so viel Freude und Zufriedenheit gefüllt haben das für dich kein Platz mehr war.



Ich starre auf den blauen Rucksack unter dem sich die inzwischen braun gebrannten Beine mühsam den Weg zum Bahnhof hoch kämpfen. Ich sehe ihre blonden Haare durch den Wind wehen und muss lachen als sie sich total erschöpft auf die Bank fallen lässt. Während sie ihr Handy aus dem ranzigen roten Jute Beutel kramt lasse auch ich meinen Rucksack fallen. Sie deutet auf das Telefon und verabschiedet sich für ein kurzes Telefonat mit ihrer Mutter. Und da stehe ich also alleine auf einem kleinen Bahnhof irgendwo in Kroatien. Der Horizont erstreckt sich vor mir bis in die Unendlichkeit, genauso wie die Gleise die vor mir entlang laufen. Ja, ich glaube ich kriege gerade sogar ein bisschen Herzklopfen weil diese Kulisse gerade einfach nur zu schön ist. Und jetzt gerade gehört sie nur mir, denn egal wohin ich gucke, ich sehe nur den leuchtenden Himmel und die untergehende Sonne. Alle Autos, Häuser und Bäume werden in ein schwarz getaucht. Ich laufe langsam Schritt für Schritt einfach nur dem Himmel entgegen.

Mit Schlafsack in der einen und der Iso Matte in der anderen Hand stapfen wir über die spitzen Steine hin zum kleinen Platz am See. Wir ziehen uns die Schlafsäcke bis unter die Nase und lassen uns vorsichtig nieder. Während die Alpen in einen dunkelblauen Schleier tragen leuchtet der Himmel in voller Pracht -  ein Stern leuchtet heller als der andere. Sie erzählt von ihrem Freund und kommt dabei so ins Schwärmen das ihre Freude gleich auf mich überschwappt. Sie erzählt von ihren Lieblingsgerichten, und das sie immer noch nicht wisse was sie sich zu ihrer Ankunft als Essen wünschen soll. Sie erzählt von vergangenen Reisen, und von ihrer Sicht auf bestimmte Dinge in der Welt. Ich könnte ihr ewig zu hören, denn selten habe ich einen Menschen in meinem Alter getroffen, der mich so beeindruckt hat. Ihre Ansichten, und vor allem ihr Selbstbewusstsein ist genau das was ich auch irgendwann einmal haben möchte. Sie wird unterbrochen durch ein lautes Donnern, darauf folgt ein Blitzt, der die ganze Umgebung für eine Sekunde komplett erhellt. Wir schnappen uns unsere Sachen und rennen zum Zelt, auf das wenige Zeit später die ersten Regentropfen prasseln. Die Taschenlampe an der Decke hüllt das Zeltinnere in ein warmes gelb. Und so sitzen wir noch eine Weile da, ich lausche ihren Worten während draußen gefühlt die Welt untergeht. Nur hier drin ist gerade alles friedlich und ich könnte mir niemand anderen vorstellen, der sich mit mir hier die Nacht um die Ohren schlägt. 

Der Motor brummt und das voll besetzte Auto setzt sich schlagartig in Bewegung. Ich sitze auf ihrem  Schoß und wir beide kommen aus dem Lachen nicht mehr raus. Wir sitzen in einem Auto mit vier anderen Menschen, die wir genau seit 60 Sekunden kennen. Leichtsinnigkeit würde uns jetzt jeder anderer vorwerfen doch das ist uns gerade völlig egal. Ich habe kein Funken Angst, im Gegenteil ich bin pur und pur mit Freude und ein bisschen Weißwein gefüllt - genau wie sie auch. Die Künste des Autofahrers sind ein wenig fragwürdig, doch führen seine lauten italienischen Beschimpfung zur allgemeinen Belustigung. Nachdem wir ungefähr vier mal den gleichen falschen Weg gefahren sind purzeln wir nach und nach alle aus dem Auto. Der Bass dröhnt, die Neonlichter leuchten um die Wette und wir heben die Hände. Schnell sind wir wieder nur zu zweit und feiern die chaotische Anreise, den schlechten aber billigen Weißwein und die Tatsache das wir morgen um zehn Uhr aus dem Hotel aus checken müssen. Aber das ist gerade egal, denn jetzt gerade sind wir unter freiem Himmel in irgendeinem Club mitten in Rom und tanzen. 

Er grinst mich frech an. 'Na komm, dass ist doch echt ein Katzensprung'. Ich lache zurück und antworte 'Vergiss es, ich springe hier nie im Leben runter. Erstmal nur gucken hast du gesagt'. Meine Füße springen von einem heißen Stein auf den anderen, ja, ich kann kaum stehen weil sich der Boden durch die Sonne so aufgewärmt hat. Ich waage noch einmal den Blick in die Tiefe. Unten braust das wilde Meer nur vor sich hin um dann letztendlich mit voller Wucht gegen die Klippenmauer zu schlagen. Von oben sehen die Farben allerdings noch viel schöner aus - ein Mix aus Türkis und dem tiefsten blau was ich je gesehen habe. 'Ok ich spring als erster', schlägt er vor. Ich willige ein und sehe ihn kurze Zeit später aus dem Wasser unten auftauchen. Sein freches Grinsen fordert mich dann endgültig hinaus. Erst löst sich der rechte Fuß von den heißen Steinen dann folgt gleich der linke. Meine Arme reiße ich in die Luft und aus mir heraus kommt ein lauter Schrei. In dem Schrei liegt ein wenig Angst, aber gleichzeitig springen mit ihm die letzten Fesseln ab. Ein Klatschen, und sein nun stolzes Grinsen Sekunden später als ich auftauche. 'Gleich nochmal' kreische ich vor Freude. 



 Es waren Erinnerungen die ich mit mir getragen hab, genau wie meinen Rucksack die letzten Wochen. Doch an jedem wunderschönen Ort, an dem ich in den letzten Wochen war habe ich diese Erinnerungen nach und nach von mir abgeschüttelt - ganz unbewusst, ja, ich habe gar nicht bemerkt wie jeden Tag etwas von mir abgefallen ist. Stattdessen hab ich mich Stück für Stück an jedem Ort in den ganz kleinen Momenten wiedergefunden, habe meine Gedanken wieder ins Gleichgewicht gebracht. Ja es sieht so aus als hätte ich dich hier irgendwo verloren, und mich dabei wiedergefunden. 



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