Seiten

Sonntag, 9. Oktober 2016

MALLORCA

Kennt ihr dieses quietschende Geräusch, was ertönt wenn man alte große Videokassetten vorspult? Dazu das Bild auf dem Röhrenfernsehr mit den Videoaufnahmen, die in vielfacher Geschwindigkeit vor sich hinzappeln? Genau so kam mir das letzte Jahr vor. In vielfacher Geschwindigkeit ist es an mir vorbei gesaust. Ich hab genau vor Augen wie wir mit der großen Gruppe alle um das Lagerfeuer saßen. Das Flackern der Flammen spiegelte sich in allen Augen wieder, während die Weinflasche rumgereicht wurde. Sommer 2015. Meine Freunde hatten sich alle zusammen gesammelt um mich zu überraschen, um tschüss zu sagen. Ich bin die erste die von uns gegangen ist, und heute bin ich die letzte die wieder dazu stößt. 

Ein wenig verloren irre ich durch die Ankunftshalle des Flughafens, bis meine Augen das Schild „Exit“ finden. Mit schnellen Schritten eile ich zur Tür, die sich automatisch öffnet. Und da stehen sie, winken aufgeregt mit den Händen und rennen auf mich zu. Kurze Zeit später sitzen wir im Bus hinten in der letzten Reihe. Wir fangen an zu reden, über Gott und die Welt, über die neusten Heimatgeschichten, über all das, was wir in dem letzten Jahr erlebt haben. Unbewusst blende ich das Gegacker der anderen aus, als ich meinen Kopf nach links umdrehe und aus dem großen Hinterfenster schaue. Ich blicke auf die Autobahn, und die fahrenden Autos die uns ungeduldig hinterher jagen. Ihre Lichter glänzen wie kleine runde Punkte, während die Farben des Himmels immer kräftiger werden. Und schon wieder so ein Sonnenuntergang denke ich, ich weiß nicht warum, aber für mich gibt es kaum schönere Dinge. Erst recht nicht als ich meinen Kopf wieder zu den anderen hinwende, und sehe wie jedes einzelne Gesicht orange anleuchtet wird.
Unsere Stimmen verstummen nicht, auch nicht als die Sonne sich schon vollkommen verabschiedet hat, und der Bus immer mehr zu wackeln beginnt. Die Fahrkenntnisse unseres Busfahrers werden ernsthaft In Frage gestellt, doch kommen wir sicher in Cala Santayi an, unserem Zuhause für die nächsten sieben Tage. Den Koffer in die Hand, und die T-Shirts aus , über den warmen Asphalt Richtung Süden, immer an der Hauptstraße entlang. „Ey Leute!“, tönt es von vorne „Guckt mal nach oben!" Nach und nach bleibt jeder stehen und legt seinen Kopf in den Nacken. Wie eine riesengroße, überdimensionale Lichterketten hängen die Sterne über uns. Und in dem Augenblick bin ich mir hundertprozentig sicher, dass die nächsten sieben Tage sich vor Schönheit und Einmaligkeit nach und nach übertreffen werden.

Die Terassentüren stehen weit auf, und die weißen Vorhänge flattern im lauen Sommerwind. Er lacht laut neben mir, hat er doch tatsächlich die Milch bei den Rühreiern vergessen. Ich sehe mich insgeheim schon ganz klar bei dem Rührei Battle gewinnen, und schwinge die gelbe Masse siegessicher in der Pfanne hin und her. Währenddessen ertönt von draußen ein dumpfes Quietschen, als die anderen den großen Tisch fürs Frühstück rausstellen, der einige Minuten später mit den besten Sachen gefüllt ist. Es bietet sich ein Bild, dass mich nun laut zum lachen bringt. Vor mir ein großzügig gedeckter Frühstückstisch, im Hintergrund ertönt Frank Sinatra, und die Jungs absolvieren im Takt zu Sinatras Klängen ihre Klimmzüge. Ein ganz normaler Sonntag Morgen, mitten im Paradies. 

Wir schwimmen zu zweit weiter raus aus der Bucht, vorbei an den großen Felsmauern und den einzelnen Tretbooten die durch die Bucht treiben. Unsere Arme hängen über unserem neuen Familienmitglied namens "Lacoste" - einem knallgrünen aufblasbaren Krokodil. Ihr scheint die Sonne ins Gesicht und ich kann jede einzelne ihrer Sommersprossen erkennen. Ich weiß nicht wann wir das letzte mal so geredet haben, so viel und so ehrlich. Ich wollte sie immer nur glücklich sehen denke ich, doch in den letzten Wochen habe ich sie die meiste Zeit nur bedrückt gesehen. Doch als sie ihre Arme von dem Krokodil löst, sich langsam auf dem Rücken ins Wasser gleiten lässt und ihre Arme breit ausstreckt, da sehe ich es. Sie liegt einfach nur ganz still da, ihre Augen geschlossen, und ihre Lippen verziehen sich zu einem breiten Lächeln. Also tue ich es ihr gleich, lasse mich auf dem Rücken treiben, mit geschlossenen Augen und dem Gesicht gen Himmel gerichtet. Und da liegen wir also wie zwei Verrückte im Mittelmeer und lassen uns von den sanften Wellen einfach treiben. 

Vollgefressen und zu frieden liege ich auf zwei dünnen Kissen auf dem Boden im Garten vor unserer Terasse. „Macht bitte alle Lichter aus!“ ruft jemand neben mir Richtung Küche. Einen Augenblick später ist es komplett dunkel, und die Sternen leuchten noch einmal doppelt so hell. Die Jungs sitzen genau neben mir und spielen 'Ich packe meinen Koffer'. Der eine von ihnen entscheidet sich dazu gleich mal das ganze Universum mitzunehmen, während der Andere lieber auf einen Gecko zurückgreift. Es interessiert mich nicht, dass sich eine Mücke nach der anderen auf meiner Haut niederlässt. Es interessiert mich nicht, dass es langsam viel zu kühl wird, um nur im Kleid rumzuliegen. Es klingt kitschig, aber genau jetzt ist nur diese Moment wichtig, und genau deshalb kämpfe ich auch gegen meine immer schwerer werdenden Lieder an. Ich will meine Augen noch nicht schließen, will diesen Anblick genießen solange ich es kann. Desto länger ich diesen Sternen übersäten Himmel angucke, denke ich, desto länger kann ich mich genau an diesem Moment erinnern. Kann ihn vielleicht, wenn ich die Auge später schließe, genau vor meinen Augen sehen. Die Jungs machen sich derweilen gar nicht so schlecht und der Nächste entscheidet sich jetzt noch für Schokoletten. Gute Wahl denke ich, als der Dritte nach dem Aufzählen seinen neuen Gegenstand hinzufügt: Adiletten. Ein leises Lachen kann ich mir nicht verkneifen, bevor ich mich ein paar Minuten später auf die Seite drehe und einschlafe, und die Stimmen der Jungs immer leiser werden. 


Und da sitze ich wieder alleine am Gate, blicke auf das Rollfeld. Erinnere mich zurück an die einzelnen Momente der letzten sieben Tage. An jede einzelne Autofahrt, bei der ich glücklich aus dem Fenster gestarrt haben, während meine salzigen Haare wie wild im Wind getanzt haben. Ein jeden einzelnen Abend, den wir mit bescheuerten Trinkspielen auf der Terrasse verbracht haben. An die unterschiedlichen Lachen, die das ganze Haus mit Leben gefüllt haben. An die Nugat Bites Fressattacken nach einem langen Strandtag. 

Eigentlich ist es gar nicht als hätte ich alles vorgespult, denke ich. Viel mehr ist als hätte ich auf PAUSE gedrückt, nicht für mein komplettes Leben, sondern nur für diese Freundschaften. Natürlich haben wir uns das Jahr über ein paar mal gesehen, doch nicht in dieser vollständigen Konstellation. Und natürlich haben wir uns alle ein wenig verändert, sind in die verschiedensten Richtungen gezogen, doch unsere Freundschaft ist die gleiche. Also ist es mehr als hätte ich PLAY gedrückt, genau in dem Augenblick als ich durch die Türen der Ankunftshalle gelaufen bin. 



IMG_0241 Kopie Kopie

IMG_1157 Kopie Kopie

IMG_1371 Kopie Kopie

IMG_1537 Kopie Kopie

IMG_0430 Kopie Kopie

IMG_1550 Kopie Kopie

IMG_0874 Kopie Kopie

IMG_1370 Kopie Kopie

IMG_0719 Kopie Kopie

IMG_0608 Kopie Kopie

IMG_0234 Kopie Kopie

IMG_1544 Kopie Kopie

IMG_0837 Kopie Kopie


IMG_0281 Kopie Kopie

IMG_1541 Kopie Kopie

IMG_0573 Kopie Kopie

IMG_1124 Kopie Kopie

IMG_1151 Kopie Kopie

IMG_0428 Kopie Kopie

IMG_1499 Kopie Kopie

IMG_1376 Kopie Kopie

IMG_0586 Kopie Kopie

IMG_1502 Kopie Kopie

IMG_0490 Kopie Kopie

IMG_0587 Kopie Kopie

IMG_0542 Kopie Kopie

IMG_1570 Kopie Kopie