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Samstag, 28. Januar 2017

MAKE LOVE NOT HATE


Ich schleppe meinen kleinen Koffer durch’s Abteil auf der Suche nach meiner Platzreservierung. 55 - gefunden, endlich. Zu meiner Enttäuschung stelle ich fest das mein so geliebter Fensterplatz von einem Mann mit dicker schwarzer Jacke und Seemans Mütze besetzt wird, beschließe aber mir dieses mal den Platz einzufordern. Also weise ich ihn mit einem zurückhaltenden Lächeln darauf hin das er auf meinem Platz sitzt. Ein bisschen wiederwillig steht er auf und setzt sich auf den Gang Platz neben mir. Ich pelle mich aus meinen drei Jacken Schichten ziehe mir die Kopfhörer wieder über die Ohren und öffne meinen Laptop als ich aus dem Augenwinkel bemerke wie seine Augen an meinem Laptop kleben und er mir halb auf dem Schoß sitzt - Hallo Diskretion. Also wende ich meinen Kopf nach links und schaue direkt in sein rundes Gesicht auf dem sich eindeutig feine Falten abzeichnen. „Was ist das denn?“ fragt er mich und zeigt auf die vielen Bilder auf meinen Desktop - schon wieder vergessen das ganze mal zu ordnen ärgere ich mich innerlich. „Naja ein paar viele Bilder“ antworte ich und lache. In den folgenden fünf Minuten erzählt er mir ausführlich das er von diesen neuen Techniken und Medien ja nichts halte, ihm genüge sein Festnetz Telefon das er damals für 25 Euro (zu meiner Verwunderung nicht Dm) gekauft habe. Und sowieso ginge ja die ganze Kommunikation zwischen einander verloren. Daraufhin betonte ich das man die ganze Technologisierung nicht so einseitig bewerten könne. 
Wir werden unterbrochen von einem „Einmal die Fahrausweise bitte“. Daraufhin zeige ich mein Online Ticket und die dazu gehörige Bahn Card. Mein Sitznachbar hat auch mit BahnCard gebucht, die hat er aber nicht mit. Der Kontrolleur weist ihn zu meiner Überraschung äußerst freundlich (ist ja bei der Bahn eher selten der Fall) darauf hin, dass er die natürlich immer dabei haben müsse. Total entrüstet antwortet mein Sitznachbar „Was wieso das denn? Ich hab das angegeben, ich schlepp dieses grüne Ding doch bestimmt nicht die ganze Zeit mit mir rum“. Letztendlich sucht der Kontrolleur seine Bahnkart Nummer durch Kollegen raus und zieht zufrieden ab. Ich versuche weiterhin meinen Sitznachbarn von dem logischen Argument zu überzeugen, dass ja sonst jeder einfach die 25% sparen könnte wenn man die Karte nicht vorzeigen muss, davon will er aber gar nichts hören. Und dieses kleine Ereignis hat schon vor unser darauf folgenden 30 minütigen Diskussion die Grundzüge seines intoleranten Charakters gezeigt.

Nachdem unsere Bahncard Diskussion beendet ist fragt er neugierig weiter und ich beantworte bereitwillig und  verkneife mir einfach meine Kopfhörer wieder aufzusetzen.

 Er erzählt mir das er tatsächlich überlegt habe in die Umgebung meiner alten Heimatstadt zu ziehen, dort gäbe es wenigstens noch vernünftige „deutsche Jugendliche“ die einem auf der Straße noch Hallo sagen würden. Die zwei Wörter „deutsche Jugendliche“ lösen sofort die Alarmglocken bei mir aus aber ich hoffe einfach mich verhört zu haben und wiederhole die beiden Wörter und ziehe meine Augenbrauen hoch. „Ja genau, der deutsche Jugendliche.“, wiederholt er seine Worte bestimmt. „Naja ich würde sagen den gibt es heute doch gar nicht mehr so. Wir leben in einer globalen Gesellschaft, eine Gesellschaft die nicht mehr nur aus einer Nation besteht sondern aus vielen unterschiedlichen..“, antworte ich als er mich unterbricht „Ja genau das ist das Problem. Die reinen Deutschen sterben aus, bald gibt’s gar keine mehr“. Ich muss schlucken, schaue ihn entgeistert an und dann beginnt sie unsere Diskussion. „So kleinen, Studentinnen aus Berlin wie sie sollte man mal richtig belehren. Dann würden sie auch nicht denken das sie so selbstbestimmt leben wie sie behaupten, sondern von Meinungen beeinflusst werden und von Gesetzen gemaßregelt werden“ antwortet er in einem ruhigen gelassenen Ton. „Natürlich bin ich nicht frei von Gesetzen, aber meiner Meinung nach sind Gesetze wichtig für eine funktionierende Gesellschaft“, darauf erwidert er nur trocken „Naja, kommt drauf an wie man sie ausgelegt.“ 

„Wissen sie ich glaube das ist ein Problem ihrer Generation aber auch leider vieler jüngerer Menschen in Deutschland. Ich glaube viele Menschen in ihrem Alter haben einfach Akzeptanz verlernt oder nie besessen. Sie sind intolerant gegenüber neuen technischen Möglichkeiten genau wie gegenüber Ausländern. Das sie kein Smartphone besitzen wollen, Pc’s grausam finden ok - aber wissen sie was der Unterschied ist? Das sind Dinge! Das sind keine Menschen, da besteht ein eindeutiger Unterschied. Sie können diese Ignoranz keinem Menschen entgegen bringen der genau so Mensch wie sie ist, mit den gleichen Rechten. Der kein Ding ist! Ich bin mit neuen Technologien aufgewachsen und ich bin eine multikulturelle Gesellschaft hinein geboren worden und mag das ein Austausch zwischen Kulturen besteht, auch wenn das natürlich nicht immer leicht ist...“, versuche ich ihm zu erklären. Er schüttelt nur lachend den Kopf und erwidert kurz und knapp „Das ist alles eine Sache von Erziehung.“ Ich bin geschockt und gleichzeitig stock wütend, wie kann ein Mensch so etwas denken? Was bringt ihn dazu Unterschiedene zwischen Menschen zu machen? Und dann letztendlich auch noch meine Eltern zu beleidigen, die mich aus meiner Sicht nicht besser hätten erziehen können (ohne jetzt mich selbst loben zu wollen - viel mehr meine Eltern), weil sie mich gelernt haben das jeder Mensch gleich ist, das Akzeptanz und Toleranz Basis für ein funktionierendes Zusammenleben sind.

 Die weiteren fünf Minuten gibt er eigentlich nur die stereotypischen Aussagen von AFD Politikern und Ausländerhassern wieder und beendet seine Predigt natürlich mit der Aussage „Die kriegen das Geld halt alle hintergeworfen. Warten sie mal ab bis es an ihren eigenen Geldbeutel geht“. Darauf fällt mir nicht mehr viel ein außer ein lachendes „Lassen sie mich raten, Trump finden sie ist ein super Kerl?“. Er nickt bestimmend „Aber ja, endlich mal jemand der anpackt. Der hat die richtige Einstellung, das werden die Deutschen hier auch noch lernen“. Ich schüttle nur den Kopf. Damit verläuft die Diskussion ins Leere und ich schneide unbeirrt meine Videos am Laptop weiter. Er schaut absichtlich nicht mehr in meine Richtung und erhebt sich nach fünf Anstandsminuten schlussendlich und setzt sich weg. Und genau hier schließt sich der Kreis. Mein Sitznachbar besaß einfach keine Toleranz und Akzeptanz  gegenüber neuen technischen Medien, gegenüber Ausländern und Asylanten, gegenüber Menschen mit einer unterschiedlichen Meinung. Ich habe versucht den Dialog zu suchen, möchte verstehen wie genau so eine Ignoranz und so ein Hass entsteht. Versuche anders Denkenden nicht meine Meinung aufzudrücken aber ihnen vielleicht neue Denkanstöße zu geben. Und genau deswegen bin ich nach unserer Diskussion nicht aufgestanden und habe mich weggesetzt, sondern habe es ertragen, habe die andere Meinung nicht verstanden aber sie geduldet. Genau das was er nicht konnte, und das macht mir Angst. Angst das sich unsere Gesellschaft in genau diese Richtung entwickelt, in der die eigene Meinung Maßstab für alles ist, in der Ignoranz und Akzeptanz willkürlichen bestimmten Vorgaben folgen. In so einer Gesellschaft will ich nicht leben.


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Kommentare:

  1. Solch eine Meinung, solch ein Verhalten kann ich einfach nicht verstehen. Und ja, du schreibst es richtig. Genau das macht einem Angst. Weil vielleicht zu viele von ihnen gibt. Und doch dürfen wir nicht vergessen, dass es mehr von uns gibt. Die Tolerant, Neugierig und offen sind. Die sich andere Meinungen anhören, gelegentlich belehren lassen oder bei unserer Meinung bleiben und die andere akzeptieren. Wir sehen nicht nur schwarz/weiß, sondern bunt. Deswegen ist auch so wichtig, dass wir alle dieses Jahr wählen gehen. Und verhindern, dass genau das passiert, was gerade in den USA passiert.

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